Category: One Way Ticket


B’s Aufpasser, ein mittelgroßer, kräftig wirkender Pfleger, hatte soeben erfolglos versucht eine Flatulenz zu unterdrücken. Mit einem breiten Grinsen und einem Achselzucken blickte er in B’s Richtung als die Bürotür mit einem Schwung aufging und Fr. Dr. Lopez hereintrat. Mit einer kurzen Handbewegung bedeutete sie dem Pfleger den Raum zu verlassen, legte einen Stapel Papiere auf den Arbeitstisch und nahm im ergonomisch geformten Arbeitssessel Platz ohne auch nur einmal zu B. aufzublicken. Die großgewachsene Brünette las kurz die Notizen ihres Vorgängers und blickte dabei ab und zu über den Rand ihrer schwarzen Hornbrille, die ihrem Gesicht eine gewisse Härte gab. Sie sah gut aus dachte B. Es würde ihm sicherlich nicht schwer fallen dem Rat Dr. Gonzales‘ zu folgen und nett zu ihr zu sein…“ Wie geht es ihnen jetzt ?“, fragte sie plötzlich mit rauchiger,  offensichtlich von vielen Zigarretten und Nachtleben geprägten Stimme. “ Mit mir ist alles klar und ich hätte nichts dagegen diesen gastlichen Ort trotz der hübschen Mitarbeiterinnen so schnell wie möglich wieder zu verlassen“, entgegnete B. mit dem smartesten Lächeln das er im Augenblick zustande brachte. “ Nun…wann sie wieder gehen können bestimmen wir, sagte sie ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Und noch etwas: Trotz aller Emanzipation leben wir hier noch immer in einem Land voller Machos und wenn ich etwas nicht vertragen kann dann ist es dumme Anmache ! Ich möchte sie also im beiderseitigen Interesse bitten im weiteren Verlauf unserer Gespräche auf so etwas zu verzichten…verdad?! …Selbstverständlich,“ antwortete B. verdattert. Na, das konnte ja heiter werden ! Plötzlich war auf dem Flur ein ziemlicher Lärm zu hören und schon im nächsten Moment wurde die Bürotür aufgerissen. Ein ihm irgendwie bekannt erscheinender junger Mann blickte mit großen Augen und laut keuchend in die Runde, griff sich den Brieföffner auf dem Schreibtisch, riß B. von hinten mit einem Arm vom Sitz und hielt ihm den Brieföffner an die Kehle. Fr. Dr. Lopez verlor für einen Moment die Contenance, sprang auf wobei sie den Stapel Papiere von Schreibtisch stieß und die Situation mit einem “ Mierda ! “ kommentierte…Kurz darauf standen Zivilbeamte und Uniformierte atemlos  in der Tür und erkannten die Situation. Sie griffen sofort an ihre Waffenhalfter…Der Mann mit dem Brieföffner an B’s Kehle zog ihn einen Schritt zurück und schrie „, Stop !  “  Langsam nahmen die Beamten ihre Hände wieder von den Halftern und traten einen Schritt zurück. B. spürte wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten, unendlich langsam dort herunterliefen bis sie an der Nasenspitze angekommen waren und dort kitzelten…Für einen ewig lang erscheinenden Moment sagte keiner der Beteiligten ein Wort während der Angstschweiß auf B.’s Stirn immer größer wurde…. „Ich darf jetzt nicht Niesen ! Unter keinen Umständen darf ich jetzt Niesen ! Nein ! Niesen geht jetzt nicht !“,  wiederholte B. im Stillen wie ein Mantra…B. mußte Niesen ! Ein Schwall von Bakterien ging explosionsartig auf seine Umgebung nieder.

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One Way Ticket…(16)

Langsam kam Hamid wieder zu sich. Der alte Schmerz war wieder da. Ein Schmerz den er seit seiner Kindheit nur zu gut kannte. Er zog vom Brustkorb in die Bauchgegend und wieder zurück in den Thoraxbereich. Es war eine seelische Pein, die sich derart heftig auf den Körper auswirkte so dass es ihm nach kurzer Zeit die Tränen in die Augen trieb. Immer dann wenn sich die Emotionen in seinem Körper zu einem hochexplosiven chaotischen Mix verdichtet hatten endete das Ganze in einem großen Nichts – Bald darauf folgte immer dieser verfluchte Schmerz ,der ihn mit jedem Mal tiefer in ein Loch zog aus dem er sich kaum noch befreien konnte. Er versuchte sich abzulenken und blickte sich um. Vor dem Fenster befanden sich Gitterstäbe durch die er auf einen großen Park blickte in dem weiß gekleidete Personen langsam umhergingen, die völlig losgelöst von der Zeit und jeglichen realen Bezug zu sein schienen. Das Zimmer in dem er allein lag war karg eingerichtet. Vor dem Bett befand sich ein Tisch mit 2 Stühlen. Neben dem Bett ein Beistelltisch. Keine Bilder, keine Blumen. Die Wände weiß…Man hatte ihn bis auf Hose , T-Shirt und Socken seiner persönlichen Sachen entledigt. Sogar der Hosengürtel war weg. Mit jeder weiteren Minute begriff er langsam in welcher Lage er sich befand. Die Zeit seit dem Morgen war im Zeitraffer und bruchstückhaft für ihn durchgerast. Nun befand er sich in der Superzeitlupe. Die Tür öffnete sich und ein stämmiger Pfleger kam mit einem Tablett. Er stellte es wortlos auf seinen Beistelltisch, nahm den Plastikdeckel weg und bedeutete Hamid mit einer Handbewegung zu essen. Auf dem Tablett dampfte eine Suppe. Daneben etwas Weißbrot. Der Pfleger lehnte sich an die Tür und beobachtete Hamid argwöhnisch. Mit leicht zitternder Hand löffelte H. seine Suppe.  Er fühlte eine angenehme Wärme in sich hochsteigen. Als der Teller leer war räumte der Pfleger sofort ab und verließ das Zimmer. H. hörte wie abgeschlossen wurde.  Wieder Nichts…So verging Stunde um Stunde. Es begann schon dunkel zu werden als es plötzlich auf dem Flur laut wurde. Er hörte eilige Schritte und einige Männerstimmen. Das Schloß zu seinem Zimmer knarrte, die Tür wurde aufgerissen und 2 Herren in Zivil sowie 4 Beamte in Uniform traten an sein Bett. “ Man hat ihren Gürtel mit Plastiksprengstoff an den Gleisen gefunden „, sagte der kleinere der beiden Zivilbeamten und schaute ihn dabei durchdringend an. Hamid zuckte mit den Schultern und machte Anstalten sich von seinem Bett zu erheben, als die vier Uniformierten ihn unsanft ergriffen und ihm Handschellen anlegten. Kurz darauf zerrten sie ihn über den Flur. Die Schritte hallten auf den riesigen Gängen… H. fühlte wie die Wut in ihm hochkochte. Nach cirka 100 Metern bemerkte er wie 2 der Uniformierten, die direkt neben ihm gingen und ihn zunächst festhielten unachtsam wurden und ihre Griffe lockerten. Mit einer plötzlichen Bewegung seines Oberkörpers befreite er sich und rannte so schnell er konnte in einen Seitengang des Riesengebäudes. Die Beamten waren so vedattert, dass sie mehrere Sekunden brauchten um zu reagieren und seine Verfolgung aufzunehmen. Genug Zeit für ihn in ein Zimmer zu stürmen, in dem sich offensichtlich eine Ärztin und ein Patient bei einem Gespräch befanden. Blitzschnell fällte H eine Entscheidung. Er ergriff den messerscharfen Brieföffner auf dem Bürotisch der Ärztin, stellte sich hinter den vedutzten Patienten da der näher bei ihm war und legte ihm die Klinge an den Hals. Die junge Doktorin sprang auf und stieß dabei einen Stapel Papier vom Tisch, während sich die ihn verfolgenden Beamten im Türeingang fast gegenseitig über den Haufen rannten als sie die Situation erkannten und wie angewurzelt stehenblieben…In Hamid’s Hirn ratterte ein Szenario nach dem anderen  durch. Er brauchte einen Plan und das verdammt schnell…

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Bild links: Hoffnung von Gabriele Wolters-Lukassek

B. schloß nur für einen Moment die Augen. So kam es ihm jedenfalls vor. Plötzlich fühlte er eine Hand an seiner Schulter. Ein bebrillter Herr mit Aktentasche fragte ihn nach seinem Befinden. Als B. in seinem wirren Kopf so etwas wie eine Antwort zurechtgelegt hatte, hörte er auch schon die Sirene. Ein Krankenwagen fuhr vor. Der Notarzt stellte ihm einige Fragen auf Spanisch von denen er auch nicht eine einzige beantworten konnte. Sein “ Retter “ runzelte die Stirn und winkte die Besatzung des Krankenwagens herbei. Kurz darauf fand sich B. angeschnallt auf der Trage wieder und wurde ins Innere des Krankenwagens gebracht, der kurz darauf ohne Sirene davonfuhr. Der Arzt legte seinen Oberarm frei und setzte eine Spritze.  B. entspannte sich und starrte während der ganzen Fahrt lächelnd an die Deckenbeleuchtung des Rettungsfahrzeugs. Das grelle Licht verschwamm irgendwie mit dem Rest zu einer riesigen Sonne…Als sein Kopf vor die linke, hintere Tür des Krankenwagens schlug schreckte er aus seinem Dämmerzustand hoch.Man trug ihn in ein grosses Gebäude. Direkt links hinter dem Haupteingang befand sich so etwas wie eine Ambulanz die allerdings auffallend wenig medizinische Geräte vorzuweisen hatte. Langsam beschlich ihn das Gefühl , dass die Dinge einmal mehr in seinem Leben einen Verlauf nahmen den er nicht beeinflussen konnte. Für einen Moment befand er sich mit einem Pfleger allein im Raum. Beide warfen sich einen prüfenden Blick zu. Kurz darauf öffnete sich die Tür und ein mittelgrosser Herr in den Fünfzigern mit weissem Kittel, Halbglatze und Notizblock trat ein. Mit einer kurzen Handbewegung  bedeutete er dem Pfleger vor der Tür zu warten. Mit Schwung setzte er sich auf einen Drehstuhl, schlug die Beine übereinander und zog eine Kugelschreiber aus der Seitentasche seines Kittels. “ Sie sind Deutscher ? „, fragte er mit einem Lächeln. “ Äh, ja…“, stotterte B.  “ Ich bin Dr. Gonzalez und meines Zeichens Psychologe. Nehmen Sie Drogen ?“.  Diese Frage machte B. von Null auf Hundert hellwach. “ Selbstverständlich nicht ! „, antwortete er mit gespieltem Entsetzen. “ Also nicht ?“, forschte dieser Gonzalez nach. “ Nein, nein, wie kommen sie auf so einen Mist und wo bin ich überhaupt ?“. B. hatte sich bei seiner Frage halb von der Krankentrage aufgerichtet. “ Sie befinden sich hier in der Psychiatrie von Montcada am Rande Barcelonas. Man hat sie zu uns gebracht wegen Verdacht auf Drogenmißbrauch und Suizidgefährdung. Bei ihrem Zustand und Erscheinugsbild scheint mir dieser Verdacht mit Verlaub auch sehr angebracht.“  B. saß mittlerweile auf der Krankentrage, raufte sich die Haare und begann unruhig mit dem Oberkörper hin und her zu wippen. Die Räder des Gestells  unterhalb der Trage begannen mit jeder Bewegung zu quietschen. “ Ich, …ich muss gestehen mir geht es tatsächlich nicht sonderlich gut und ich hab‘ die Nacht durchgemacht. Das berechtigt Euch doch nicht mich einfach einzukassieren und in eine Irrenanstalt zu stecken !? Ich bin weder verrückt, drogenabhängig noch suizidgefährdet,“ log er , wobei ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Dr. Gonzalez blickte bohrend über den Rand seiner Brille: “ So, so ! Nun, wir möchten sie sicherheitshalber zur Kontrolle etwas hierbehalten und gründlich untersuchen. Aufgrund des Verdachts auf Drogenmißbrauch sowie der Suizidgefährdung müssen wir das sogar !“ B. gab sich geschlagen. Er fiel sprichwörtlich in sich zusammen. Mit matter Stimme fragte er: “ Wie lang ?“.  “ Nun, ich denke 24 Stunden werden reichen um sie durchzuchecken und danach evtl. ohne schlechtes Gewissen wieder zu entlassen, “ entgegnete Dr. Gonzalez  und fasste B. zur Beruhigung auf die Schulter. “ Ich werde nun den Pfleger wieder hereinbitten. Wir sehen uns erst gegen Mittag wieder. Meine Kollegin Fr. Dr. Lopez  wird gleich einige Tests mit ihnen machen. Sie ist nett. Seien sie auch freundlich zu ihr wenn’s geht !“, sagte Gonzalez und verließ mit wehendem Kittel das Zimmer. “ Schöne Scheisse „, sagte B. zu sich und legte die Hände in den Schoß. Der Pfleger kam wieder herein, stellte sich vor die Tür und blickte auf den Boden…

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